Landschaften des Nordens


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„Landschaften“ sind tatsächliche oder mögliche Lebensräume als Gegenstände der Malerei von

  • natürlichem ästhetischem Reiz, z.B. Hochgebirge, Hügellandschaften, Flusslandschaften
  • kulturell geprägtem ästhetischem Reiz aufgrund von Überformung oder bewusster Gestaltung, z.B. Ackerfluren, Parks, Gärten
    sowie tatsächliche oder erfundene Lebensräume, aufgeladen mit
  • persönlich gelernten Einstellungen wie Heimatverbundenheit, Idealen, Weltanschauungen, Empfindsamkeiten etc.

u.a.
Das Attribut „des Nordens“ bezeichnet hier die nähere Umgebung des Malers, die südostholsteinische Landschaft zwischen Elbe und Ostsee. Das ‚Nordische’ steht somit für die eiszeitlich geformte, von kleinen Flüssen und Bächen durchzogenen Hügellandschaft, eine vorwiegend agrarisch geprägte Kulturlandschaft mit Knicks, kleinen Gehölzen und Teichen. Im Bild dieser Landschaft spielt der Himmel oft eine hervorragende Rolle.

Die Darstellung, die Erzeugung des Bildes einer Landschaft beginnt mit der Wahl des Motivs, einer wichtigen Entscheidung, die von einer Kombination von oben angedeuteten Reizen und Einstellungen geleitet ist. Der Maler strebt einerseits nach Wiedergabe des Gesehenen, andererseits vor allem aber nach Gestaltung, nach Sichtbarmachung bzw. Betonung der Züge, die ihn interessieren.

Die Darstellung, dass gestaltete Bild weist damit immer über das bloß Erscheinende oder Abbildhafte hinaus. Landschaftsbilder könnten beim Betrachter z.B. die dem Gegenstand eigene charakteristische Stimmung sichtbar, wiedererkennbar und fühlbar machen. So ist es in vielen der hier gezeigten Bilder beabsichtigt. Nicht Rätselhaftigkeit oder Beliebigkeit der Deutung, sondern – in der Regel – sind Klarheit und Zugänglichkeit der Bedeutung angestrebt. Der Betrachter in seinem Blick behält jedoch einen Interpretationsspielraum, so dass es immer unterschiedliche Reaktionen geben kann. Ein bildlich gestalteter Teil des Travetals mag die idyllische Stimmung eines norddeutschen Sommertags vermitteln oder die Nüchternheit der agrarischen Überformung verdeutlichen, ein Blick von der Steilküste auf die fast unbewegte Ostsee die Empfindung einer angenehm-heiteren Weite, ein Nordseestück hingegen die düstere Stimmung herannahender Gefahr vermitteln. Während sich im Hügelland und Ufer der Blick auf den Nahraum konzentriert, bietet sich dem Blick aufs Meer der vielgestaltige Übergang von Nähe zu Ferne.

Ein Wort zur Subkategorisierung. Es gibt zwei global gültige Unterscheidungen, die heute m.E. keiner besonderen Erläuterung bedürfen: Land und Meer, die sich in den klassischen Begriffen Landschaft und Seestück wiederfinden, und Stadt und Land, die im Zeitalter der Globalisierung ständig an Bedeutung gewinnt. „Stadtlandschaft“ scheint ein Widerspruch in sich, sie wird jedoch für immer mehr Anteile der Menschheit zum alltäglichen und somit selbstverständlichen Lebensraum.

Jede Malerei entsteht vor einem kunstgeschichtlichem Hintergrund und einer gegenwärtigen Praxis. Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Landschaftsmalern wird das Landschaftsbild hier selten in pastos-flächigem Farbauftrag in eine eher abstrakte Komposition aufgelöst und auf charakteristische Details, Oberflächenstruktur und räumliche Perspektive und Tiefe verzichtet. Cézanne markierte mit seiner ‚Auflösung’ der räumlichen Illusion den Endpunkt einer Epoche der Landschaftsmalerei. Ich versuche bewusst bei den Techniken seiner Vorgänger anzuknüpfen.

Der Inhalt der hier gezeigten Bilder ist also gegenständlich, der Stil realistisch als einer Skala von fotorealistisch bis impressionistisch. Gegenstandsbezogene Treue ist eine relative Qualität, denn jede Genauigkeit findet ihre Grenze an der Auflösungsfähigkeit des Werkzeugs. Das Bild des Waldflusses (Nr. 127) z.B. gewinnt seine räumliche Wirkung erst, wenn es aus einer bestimmten Entfernung betrachtet wird. Wasser ist eine interessante Herausforderung in der Vielgestaltigkeit der Oberflächen und den damit verbundenen Verzerrungen von Reflexionsbildern sowie Abtönungen, die durch die Farbe der Umgebung, des Himmels oder des Untergrundes zugleich bestimmt werden können. Auch das Wasser, in dem der Meermaler (Nr. 128) steht, löst sich, aus übergroßer Nähe betrachtet, in eine flächige Komposition von Farbflecken auf, die das Werkzeug und die Technik des Farbauftrags erkennen lassen. Das Bild einer welligen Wasseroberfläche mag ohne den Gegenstand, den sie spiegelt, sogar abstrakt wirken (Nr. 191).